Der “digitale Zwilling” – was bedeutet er für die Supply Chain 4.0?

im Gespräch mit Jürgen Schulz, Geschäftsführer der LOCOM Consulting GmbH

 

Was ist eigentlich ein „Digitaler Zwilling“?

Wir bezeichnen ein Daten- und regelbasiertes realistisch-detailliertes Modell der Supply Chain als „Digital Twin“. Der „Twin“ beinhaltet reale Auftrags- und Bestelldaten, über Routing-Regeln, zur Abbildung von Kapazitäten und Ressourcen, bis hin zu auf Prozesskosten beruhenden realitätsnahen Kostenberechnungen.
Dabei gibt es variierende Ausprägungen, manche Kunden fokussieren nur auf den Upstream-Teil der gesamten Value Chain, während andere den Fokus auf die Distribution (oder Downstream) legen.

Das Konzept des Digital Twin stammt ja ursprünglich eher aus der Produktion; wie passt das in das Feld der Logistikberatung und Supply-Chain-Software?

Die Herausforderungen an die Supply-Chain-Verantwortlichen durch Volatilität der Nachfragen, kürzere Life-Cycles, schwankende Transportpreise, etc. sind dramatisch gestiegen.
Diese komplexen Zusammenhänge in den taktischen oder operativen Entscheidungen angemessen zu berücksichtigen, ist ohne Unterstützung durch Konzepte wie den „Twin“ eine schwierige Aufgabe. Der Zwilling eröffnet die Simulation verschiedener Ansätze und erhöht die Transparenz über die Vor- und Nachteile bestimmter Entscheidungen signifikant. Insofern hilft der Digital Twin als Werkzeug in der Beratungssituation genauso wie als Tool im Unternehmen.

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Die Kombination aus Projekterfahrung, logistischem Know-How und vertieften Kenntnisse von Daten […] sind die Erfolgsfaktoren für einen erfolgreichen Digital-Twin-Ansatz

Wie können Unternehmen konkret für ihre „Supply Chain 4.0“ von Digital Twins profitieren? Welchen Beitrag kann hier eine spezialisierte Beratung leisten?

Die Kombination aus Projekterfahrung, logistischem Know-How und vertieften Kenntnissen von Daten, Tools und der Digital-Twin-Technologie sind die wichtigsten Erfolgsfaktoren für einen erfolgreichen Digital-Twin-Ansatz.

Nur ein Berater (ohne Tool), oder nur ein Tool (ohne erfahrenen Konfigurationssupport) greifen häufig zu kurz, weil die Zielvorgaben und die Interessenslage eben nicht zur Silo-übergreifenden Konzeption des Digital Twin passen. Wir haben sehr positive Erfahrungen bei der Konfiguration eines Digital Twin mit einer Mischung aus Beratern und Software-Experten machen dürfen.

Laut Gartner ist der Digital Twin einer der zehn Top-Technologietrends (Stand 2017). Den Analysten zufolge wird es bis zur vollständigen Reife der Technik noch zirka fünf Jahre dauern – wie ist Ihre Einschätzung?

Die kundenseitige Rückmeldung und das Interesse an unserer Supply-Chain-fokussierten Variante des Digital Twin ist hoch, wir denken eine evolutionäre Entwicklung wird hier für alle Beteiligten Nutzer und Anbieter die passende Entwicklung sein. Dies vor allem auch deswegen, weil man hier zwei Sichtweisen kombinieren muss, die im täglichen Leben des Unternehmens weit auseinander liegen. Oder mit anderen Worten: die operative Steuerungsebene mit ihren spezifischen Daten und eine strategische Planungsebene.
Die Kombination ist nach unserer Erfahrung anfangs herausfordernd; wenn erste Ergebnisse vorliegen aber spannend und sehr motivierend, weil die neue Transparenz einen echten Schub gibt. Daher kann ich nur ermutigen und empfehlen mit einem Piloten in einer abgegrenzten Ecke zu starten, zu prüfen ob Nutzen entsteht, und dann in einem agilen Ansatz schrittweise die Abdeckung des Digital Twin zu erhöhen. Dann ist die genannte zeitliche Reifediskussion eine eher akademische Grenze…